Montag, 8. Juni 2015

"Tag des Heimatwissens"

Nun hatten wir in Cloppenburg unseren ersten "Tag des Heimatwissens“. Es war eine interessante Erfahrung. Zunächst bestand Unsicherheit, ob überhaupt genug Teilnehmer kommen würden - aber das war dann eine unbegründete Sorge, ca. 30 waren dann anwesend und die meisten blieben bis zum Schluss. 
Dann war ich unsicher, ob sich das wiederholen würde, was ich bei vielen Fortbildungen in den 1980er und 1990er Jahren erlebt hatte, diese ganz spezifische, intensive Form der Zusammenarbeit. Und ja, auch diese Sorge war unberechtigt. Es war wie früher! Das klingt nostalgisch, ist aber gar nicht so gemeint, denn es bedeutet, dass Laienforscher eine besondere Art von Teilnehmern sind. Im Gegensatz zu Studierenden brauchen sie keine Punkte oder Prüfungsleistungen, sie wissen meist schon, was sie können, was sie wollen - und was sie nicht wollen. Sie sind freiwillig hier. Das schafft eine spezifische Seminaratmosphäre.
Als Drittes hatte ich mich gefragt, ob das Bild vom Laienforscher, also demjenigen, der zwar keine (in der Regel) wissenschaftliche Ausbildung hat, aber dennoch kenntnisreich mit Quellen und regionalen Themen arbeiten kann, auch wirklich zutrifft. Auch hier wieder ein Ja. Nein, es sind keine Wissenschaftler, das wollen sie auch nicht sein. Die meisten sind fest eingebunden in lokale Strukturen und schreiben für ihre Dorfbewohner. Aber das heißt ja nicht, dass sie nicht forschend, erkundend unterwegs sind.
Übrigens sind die Unterschiede fließend, denn auch manch ein ausgebildeter Historiker landet manchmal bei den „Laien“ (wie der Schreiber dieses Textes auch). 

Was gilt es für die Zukunft zu bedenken?
Zum einen müssen wir weitermachen. Gute Laienforschung braucht den Kontakt und das Zusammentreffen, in den 1980er Jahren traf das schon zu, heute nicht weniger. Die nächste Tagung ist schon in Hösseringen geplant. Weitere sollten folgen, wobei Impulsreferate von Wissenschaftlern um Workshopelemente ergänzt werden sollten. Das hat sich diesmal bewährt, obwohl die Rahmenbedingungen etwas ungünstig waren.

Zum andern müssen die Arbeiten von Laienforschern präsenter werden. Derzeit gibt es keine Rezensionen von Laienforschern, die überörtlich wahrgenommen werden. Vielleicht kann diese Aufgabe das ab dem 1.7. geplante Heimatnetz des NHB übernehmen.

Wichtig sind aber auch die Wissenschaftler. Christoph Rass verwies in seinem Statement darauf, dass für die meisten Wissenschaftler die Kooperation mit Laien wenig gewinnbringend ist, denn diese Kooperation braucht Zeit, erbringt im akademischen Alltag aber nichts. Rass gehört eher noch zu den Ausnahmen, denn er nimmt sich diese Zeit. Viele tun das nicht. Hier brauchen wir auch eine andere Wissenschaftskultur, die eine solche Kooperation auch im akademischen Rahmen bis zu einem gewissen Maß honoriert. Ansonsten sind wissenschaftliche Idealisten gefragt, von denen es einige gibt!


Das gemeinsame Gespräch über gemeinsame Themen, wie diesmal den Ersten Weltkrieg in seinen lokalen und regionalen Auswirkungen, kann entscheidend weiter helfen. Einige Hoffnung setze ich darin, dass der NHB mit dem geplanten Heimatnetz und weiteren Veranstaltungen hier den organisatorischen Rahmen abbildet, auf dem sich Laienforscher und Wissenschaftler wieder systematischer begegnen. Vielleicht öffnen sich auch wissenschaftliche Einrichtungen wie die Historische Kommission stärker engagierten Laienforschern. Die einfache Losung: Hier die Datensammler (die Laienforscher), dort die Wissenschaftler, das hat schon dies erste Treffen gezeigt, wird nicht funktionieren. Das wäre auch schade.  

Dienstag, 31. März 2015

Es geht los!

Auch wenn es hier in letzter Zeit wieder sehr ruhig geworden ist, heißt das nicht, dass nichts passiert ist. Im Gegenteil! In diesem Jahr wird es zwei regionale Workshops geben, in denen Wissenschaftler mit Laien regionalhistorische Fragen und Themen diskutieren werden, vor allem über Quellen, deren Interpretation und Erschließung. Die erste Tagung wird am 6. Juni im Museumsdorf Cloppenburg stattfinden.
Zudem arbeitet der NHB (Niedersächsische Heimatbund, der vor 30 Jahren schon einmal systematische Heimatforscherfortbildungen ermöglicht hat) an einer Webplattform, die zwar zunächst den Heimatvereinen die Gelegenheit gibt, Infos online zu stellen, aber darüber hinaus ein Wissensnetz anbieten soll. Es kann also ein spannendes Jahr werden und ich werde hier berichten.
Ansonsten ist es schon seltsam, dass inzwischen sehr viel über Citizen Science gesprochen wird, nachdem "wir", also Leute wie Carl-Hans Hauptmeyer oder ich, die wir uns vor 30 Jahren auf Laien eingelassen und sie ernst genommen haben, eher belächelt worden sind (im günstigsten Fall) . "Richtige" Wissenschaftler hielten von so was wenig, höchstens noch die Archivare. Ich bin gespannt, ob sich das heute ändert. In Zeiten von Drittmitteln und befristeten Stellen ist es auch ein Wagnis, sich auf diesen Weg einzulassen, der sich nicht unbedingt "rentiert".

Donnerstag, 14. November 2013

Laienforscher - ein relativ alter Begriff

In einem seinerzeit sehr kontrovers diskutierten Aufsatz widmete sich der damalige Archivar Heinrich Schmidt auch dem Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Laienforschung (ja, genau, diesen Begriff verwendete er damals schon). Er sah als Wirkungskreis der Laienforschung vor allem die heimatliche Geschichte. Dann schrieb er:
„Innerhalb solcher Begrenzung und in einer ihr angemessenen sachlichen Selbstbescheidung kann sich, wie überzeugende Beispiele lehren, eine gründliche Sachkenntnis anreichern; mancher von seiner Forschung besessene Laie leistet - so in der Edition von Höfe-, Erb- und Zinsregistern, der Sammlung von Flurnamen, der Klärung ortsgeschichtlicher Details - gute, zuverlässige, nützliche Arbeit von wissenschaftlichem Wert.“
Und weiter:
„Das Urteil über ihre Qualität darf nicht an irgendeinem akademischen Grad des Bearbeiters, muß vielmehr an sachlichen Gesichtspunkten orientiert werden.“
Schmidt forderte eine sachliche Kritik an den Heimatforschern, die allerdings als Wertschätzung verstanden wurde, nicht als moralisch begründete Kritik. Diese Sätze verweisen noch einmal darauf, dass es zumindest in der Vergangenheit immer eine enge Kooperation zwischen Laienforschern und Archivaren gegeben hat. Für diese enge Kooperation gibt es aber bis heute Beispiele, wie sie an Editionen, die von meist engagierten Laien erstellt wurden und immer noch werden.


Schmidt, Heinrich: Heimat und Geschichte: zum Verhältnis von Heimatbewußtsein und Geschichtsforschung, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte : Organ des Historischen Vereins für Niedersachsen in Hannover 39, Ausgabe 39 (1967), S. 1–44, hier S. 36.

Montag, 28. Oktober 2013

Erinnerungen an die Zukunft?

Blogbeitrag Laienforschung

Vor ein paar Tagen hatte ich die Aufgabe, über die wissenschaftlichen Anfänge meines Kollegen Carl-Hans Hauptmeyer zu berichten. Es ging vornehmlich um seine Engagement für die Weiterbildung für Heimatforscher zu Beginn der 1980er Jahre. Relativ früh kam ich dazu, so dass seine Erfahrungen auch ein Stück meine Erfahrungen sind. Mein "Einstieg" war ein aktueller Blogbeitrag, der die Wissenschaft 2.0 propagierte, eine Wissenschaft, die den Weg zu Menschen wieder gefunden hat. (http://www.academics.de/wissenschaft/zurueck_in_die_zukunft_-_oeffentliche_wissenschaft_2_0_56241.html). Ach so, dachte ich, hat das nicht auch etwas mit unserer Arbeit damals zu tun und es ist wirklich so einfach, wie in dem genannten und anderen Beiträgen zum Bloggen steht? Wir waren damals ja wirklich zu den Menschen gegangen, nicht nur wir beide, sondern viele andere von uns, die Geschichtswerkstätten gründeten oder sich auf "Spurensuche" begaben, wobei sie sich bewußt fern von der etablierten Wissenschaft hielten - was diese ihnen durchaus übel nahm. Wir hatten keine technischen Voraussetzungen nötig, es gab keine Neuerungen in diesem Bereich - die gute alte Schreibmaschine musste ausreichen.
 Was unsere Zeit auszeichnete, waren dagegen drei  Elemente, die sich eng miteinander verbanden: Zum einen eine Gesellschaft, die verunsichert war durch 20 Jahre Wirtschaftswunder - bzw. das sich drastisch abzeichnende Ende des Wirtschaftswunder, einer Gesellschaft, der die Zukunftsperspektiven abhanden zu kommen schienen und die sich nun dem Kleinräumigen und dem Historischen zuwandte. Die einen trauerten der alten regionalen Industrie nach, die in diesen 1970er Jahren oft in ihren letzten Zügen lag, besonders der Bergbau und die Eisen- und Hüttenindustrie, die große Region über Jahrzehnte getragen hatten. Die anderen entdeckten das Land wieder für sich. Bauern verloren in dieser Zeit zudem den Geruch des Rückständigen, nachdem sie gegen Atomkraftwerke protestiert hatten und nachdem deutlich wurde, dass der Deutsche Bauernkrieg 1525 keineswegs eine folgenlose Episode in der deutschen Geschichte gewesen ist.
Das zweite Element waren wir, einige der Hochschulabgänger dieser Jahre. Entweder waren wir in die Uni gegangen, weil noch Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre Lehrer gesucht wurden - und nun um 1980 im Überfluss vorhanden waren, oder weil einige auf eine Unilaufbahn gehofft hatten - was bis 1975 auch angesichts eines schnellen Ausbaus der Fakultäten ebenfalls leicht möglich war. Nun ab stand alles zur Disposition. Und damit gab es Gründe, nach anderen Wegen zu suchen, etwa in die Gesellschaft hinein zu wirken, was bedeutete, sich auf die Menschen einzulassen, die keine Historiker waren (und auch keine werden wollten, aber Interesse an der Vergangenheit hatten).
Ein drittes Element kam hinzu, nämlich die methodische und theoretische Öffnung der Wissenschaft. Dies bedeutete einerseits die Öffnung hin zur Sozial- und Alltagsgeschichte, andererseits die Entdeckung der mündlichen Überlieferung, und damit die Geschichte der einfachen Leute, die in den staatlichen Akten und den bürgerlichen Erinnerungen nur am Rande erscheinen.
Wir, Carl-Hans Hauptmeyer und ich, hatten eine besondere, als schwer eingestufte Gruppe vor uns, die Heimatforscher. Wir entdeckten sie aber bald als durchaus interessierte und offene Partner. Die Kooperation erfolgte letztlich auf mehreren Wegen: Zunächst über die entsprechenden Vereine, dann über Tagungen, in denen neuere Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert wurden, dann über reguläre, meist mehrtägige Fortbildungen, schließlich über eigene Veröffentlichungen (den Bausteinen zur Heimat- und Regionalgeschichte). Wir hatten dazu noch einen weiteren Vorteil: Wir waren auf den Gebieten kompetent, auf denen sich die Heimatforscher auch auskannten. Wären wir das nicht gewesen, die ganze Geschichte wäre anders ausgegangen.
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen bietet einerseits das Web 2.0 faszinierende Möglichkeiten (die nicht wenige Heimatforscher bzw. Vereine für sich schon nutzen), es ist aber dennoch in meinen Augen nur ein Vehikel. Anderes ist wichtiger:
- Die Laienforscher zunächst einmal Ernst nehmen und auf sie zugehen, ihre Fragen und Wünsche überhaupt einmal zur Kenntnis nehmen,
- eigene Vorstellungen und Botschaften haben, also: was haben wir anzubieten? Können wir unsere Kompetenz auch im direkten Gespräch, in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit ihnen auch bestätigen?

Eine offene Wissenschaft zu postulieren, ist einfach, darauf zu vertrauen, dass sich alles schon richtig entwickeln wird, wenn die Technik stimmt, halte ich für naiv. Mein Eindruck ist, dass das wissenschaftliche Bloggen eben das bleiben wird, was es derzeit schon ist, ein Austausch zwischen Wissenschaftlern. Wenn es mehr werden soll, müssen wir es mit vielen anderen, zeitaufwendigen und nicht unbedingt prestigeträchtigen Elementen verbinden. Wir haben heute mehr technische Möglichkeiten denn je und das sind wirklich gute Neuigkeiten. Ich glaube aber, dass entscheidender die Einstellungen und die Ziele der Akteure sind. Eine reine Konzentration auf das Netz reicht wohl nicht aus. 

Montag, 14. Oktober 2013

Förderung des Ehrenamts

Es muss nicht immer Citizen Science heißen oder Laienforschung:
http://www.gesellschaft-fuer-archaeologie.de/EHRENAMT/8_0_foerderung_ehrenamt.php

Sonntag, 13. Oktober 2013

Wissenschaft 2.0

Hier ist es etwas ruhig geworden, aber das heißt nicht, dass nichts passiert. Gerade eben habe ich diesen schönen Beitrag gefunden:
http://www.academics.de/wissenschaft/zurueck_in_die_zukunft_-_oeffentliche_wissenschaft_2_0_56241.html

Er zeigt aber auch die Problematik der neuen Zeit. Wissenschaft konnte sich in der Vergangenheit in ein gut geschütztes Haus zurück ziehen. Sie allein verfügte über das notwendige Wissen zur Erforschung der Vergangenheit (im Falle der Historiker), sie klärte auf, informierte, wies den Weg. Das geht jetzt immer weniger. Im Falle der regionalen Laienforschung fehlt vielleicht noch die Breite, was auch etwas mit der weiterhin schlechten Versorgung mit einer schnellen Internetverbindung auf dem Dorf zu tun hat. Die derzeit massiv geforderte und geförderte universitäre Drittmittelforschung verhindert vermutlich zusätzlich eine Auseinandersetzung mit einer breiteren Öffentlichkeit, kostet doch die Wissenschaft 2.0 viel Zeit. Es liegt also ein langer Weg vor uns und ich fürchte, es werden wieder nur Einzelgänger ihn - zumindest unter den Historikern - begehen.

Sonntag, 8. September 2013

Harzhorn

Ein gutes Beispiel, wie Wissenschaftler die Kompetenzen von Laienforschern nutzen können, zeigt das Beispiel des römisch-germanischen Schlachtfeldes am Harzhorn:
http://www.roemerschlachtamharzhorn.de/film.html

Im Grunde geht es hier wieder um zwei Aspekte: Zum einen gibt es mehr qualifizierte Laien als Wissenschaftler, so dass Prospektionsaufgaben im günstigen Fall an erstere delegiert werden können, zum anderen gibt es technisch versierte Laien, die im Bereich praktischer Versuche ebenfalls eng mit Wissenschaftlern kooperieren können.