Montag, 28. Oktober 2013

Erinnerungen an die Zukunft?

Blogbeitrag Laienforschung

Vor ein paar Tagen hatte ich die Aufgabe, über die wissenschaftlichen Anfänge meines Kollegen Carl-Hans Hauptmeyer zu berichten. Es ging vornehmlich um seine Engagement für die Weiterbildung für Heimatforscher zu Beginn der 1980er Jahre. Relativ früh kam ich dazu, so dass seine Erfahrungen auch ein Stück meine Erfahrungen sind. Mein "Einstieg" war ein aktueller Blogbeitrag, der die Wissenschaft 2.0 propagierte, eine Wissenschaft, die den Weg zu Menschen wieder gefunden hat. (http://www.academics.de/wissenschaft/zurueck_in_die_zukunft_-_oeffentliche_wissenschaft_2_0_56241.html). Ach so, dachte ich, hat das nicht auch etwas mit unserer Arbeit damals zu tun und es ist wirklich so einfach, wie in dem genannten und anderen Beiträgen zum Bloggen steht? Wir waren damals ja wirklich zu den Menschen gegangen, nicht nur wir beide, sondern viele andere von uns, die Geschichtswerkstätten gründeten oder sich auf "Spurensuche" begaben, wobei sie sich bewußt fern von der etablierten Wissenschaft hielten - was diese ihnen durchaus übel nahm. Wir hatten keine technischen Voraussetzungen nötig, es gab keine Neuerungen in diesem Bereich - die gute alte Schreibmaschine musste ausreichen.
 Was unsere Zeit auszeichnete, waren dagegen drei  Elemente, die sich eng miteinander verbanden: Zum einen eine Gesellschaft, die verunsichert war durch 20 Jahre Wirtschaftswunder - bzw. das sich drastisch abzeichnende Ende des Wirtschaftswunder, einer Gesellschaft, der die Zukunftsperspektiven abhanden zu kommen schienen und die sich nun dem Kleinräumigen und dem Historischen zuwandte. Die einen trauerten der alten regionalen Industrie nach, die in diesen 1970er Jahren oft in ihren letzten Zügen lag, besonders der Bergbau und die Eisen- und Hüttenindustrie, die große Region über Jahrzehnte getragen hatten. Die anderen entdeckten das Land wieder für sich. Bauern verloren in dieser Zeit zudem den Geruch des Rückständigen, nachdem sie gegen Atomkraftwerke protestiert hatten und nachdem deutlich wurde, dass der Deutsche Bauernkrieg 1525 keineswegs eine folgenlose Episode in der deutschen Geschichte gewesen ist.
Das zweite Element waren wir, einige der Hochschulabgänger dieser Jahre. Entweder waren wir in die Uni gegangen, weil noch Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre Lehrer gesucht wurden - und nun um 1980 im Überfluss vorhanden waren, oder weil einige auf eine Unilaufbahn gehofft hatten - was bis 1975 auch angesichts eines schnellen Ausbaus der Fakultäten ebenfalls leicht möglich war. Nun ab stand alles zur Disposition. Und damit gab es Gründe, nach anderen Wegen zu suchen, etwa in die Gesellschaft hinein zu wirken, was bedeutete, sich auf die Menschen einzulassen, die keine Historiker waren (und auch keine werden wollten, aber Interesse an der Vergangenheit hatten).
Ein drittes Element kam hinzu, nämlich die methodische und theoretische Öffnung der Wissenschaft. Dies bedeutete einerseits die Öffnung hin zur Sozial- und Alltagsgeschichte, andererseits die Entdeckung der mündlichen Überlieferung, und damit die Geschichte der einfachen Leute, die in den staatlichen Akten und den bürgerlichen Erinnerungen nur am Rande erscheinen.
Wir, Carl-Hans Hauptmeyer und ich, hatten eine besondere, als schwer eingestufte Gruppe vor uns, die Heimatforscher. Wir entdeckten sie aber bald als durchaus interessierte und offene Partner. Die Kooperation erfolgte letztlich auf mehreren Wegen: Zunächst über die entsprechenden Vereine, dann über Tagungen, in denen neuere Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert wurden, dann über reguläre, meist mehrtägige Fortbildungen, schließlich über eigene Veröffentlichungen (den Bausteinen zur Heimat- und Regionalgeschichte). Wir hatten dazu noch einen weiteren Vorteil: Wir waren auf den Gebieten kompetent, auf denen sich die Heimatforscher auch auskannten. Wären wir das nicht gewesen, die ganze Geschichte wäre anders ausgegangen.
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen bietet einerseits das Web 2.0 faszinierende Möglichkeiten (die nicht wenige Heimatforscher bzw. Vereine für sich schon nutzen), es ist aber dennoch in meinen Augen nur ein Vehikel. Anderes ist wichtiger:
- Die Laienforscher zunächst einmal Ernst nehmen und auf sie zugehen, ihre Fragen und Wünsche überhaupt einmal zur Kenntnis nehmen,
- eigene Vorstellungen und Botschaften haben, also: was haben wir anzubieten? Können wir unsere Kompetenz auch im direkten Gespräch, in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit ihnen auch bestätigen?

Eine offene Wissenschaft zu postulieren, ist einfach, darauf zu vertrauen, dass sich alles schon richtig entwickeln wird, wenn die Technik stimmt, halte ich für naiv. Mein Eindruck ist, dass das wissenschaftliche Bloggen eben das bleiben wird, was es derzeit schon ist, ein Austausch zwischen Wissenschaftlern. Wenn es mehr werden soll, müssen wir es mit vielen anderen, zeitaufwendigen und nicht unbedingt prestigeträchtigen Elementen verbinden. Wir haben heute mehr technische Möglichkeiten denn je und das sind wirklich gute Neuigkeiten. Ich glaube aber, dass entscheidender die Einstellungen und die Ziele der Akteure sind. Eine reine Konzentration auf das Netz reicht wohl nicht aus. 

Montag, 14. Oktober 2013

Förderung des Ehrenamts

Es muss nicht immer Citizen Science heißen oder Laienforschung:
http://www.gesellschaft-fuer-archaeologie.de/EHRENAMT/8_0_foerderung_ehrenamt.php

Sonntag, 13. Oktober 2013

Wissenschaft 2.0

Hier ist es etwas ruhig geworden, aber das heißt nicht, dass nichts passiert. Gerade eben habe ich diesen schönen Beitrag gefunden:
http://www.academics.de/wissenschaft/zurueck_in_die_zukunft_-_oeffentliche_wissenschaft_2_0_56241.html

Er zeigt aber auch die Problematik der neuen Zeit. Wissenschaft konnte sich in der Vergangenheit in ein gut geschütztes Haus zurück ziehen. Sie allein verfügte über das notwendige Wissen zur Erforschung der Vergangenheit (im Falle der Historiker), sie klärte auf, informierte, wies den Weg. Das geht jetzt immer weniger. Im Falle der regionalen Laienforschung fehlt vielleicht noch die Breite, was auch etwas mit der weiterhin schlechten Versorgung mit einer schnellen Internetverbindung auf dem Dorf zu tun hat. Die derzeit massiv geforderte und geförderte universitäre Drittmittelforschung verhindert vermutlich zusätzlich eine Auseinandersetzung mit einer breiteren Öffentlichkeit, kostet doch die Wissenschaft 2.0 viel Zeit. Es liegt also ein langer Weg vor uns und ich fürchte, es werden wieder nur Einzelgänger ihn - zumindest unter den Historikern - begehen.

Sonntag, 8. September 2013

Harzhorn

Ein gutes Beispiel, wie Wissenschaftler die Kompetenzen von Laienforschern nutzen können, zeigt das Beispiel des römisch-germanischen Schlachtfeldes am Harzhorn:
http://www.roemerschlachtamharzhorn.de/film.html

Im Grunde geht es hier wieder um zwei Aspekte: Zum einen gibt es mehr qualifizierte Laien als Wissenschaftler, so dass Prospektionsaufgaben im günstigen Fall an erstere delegiert werden können, zum anderen gibt es technisch versierte Laien, die im Bereich praktischer Versuche ebenfalls eng mit Wissenschaftlern kooperieren können.

Samstag, 3. August 2013

Wie schreibt man eine Stadtgeschichte?

Die Frage ist zunächst so allgemein gestellt, dass eine vernünftige Antwort kaum möglich ist. Dahinter steckt aber eine konkrete Überlegung, nämlich die, wie man damit umgeht, dass eine Ortsgeschichte nicht denkbar ohne die Menschen dieses Ortes ist, jedoch die Menschen sich nicht an den Ort halten, d.h., sich hier zeitweise aufgehalten haben, dann aber weiter gezogen sind. Es ist das alte Problem der Söhne (meist werden die Töchter vergessen, was gerade unter den hier angedeuteten Aspekten besonderer Unfug ist) der Stadt, die hier geboren werden, dann aber wegziehen und woanders die große Karriere machen. Allerdings geht es auch zuweilen in die andere Richtung, Menschen ziehen in die zu untersuchende Stadt.
Beachtung finden diese Menschen noch dann, wenn sie zu den „großen“ „Söhnen“, seltener „Töchtern“ der Stadt gehören. Dann erhalten sie Straßennamen, Gedenksteine, vielleicht sogar Gedenktage. Und niemand fragt, ob denn die Stadt die Rolle von „Eltern“ übernommen hat? Seltsam auch, dass diese Suche nach den „großen“ „Kindern“ des Ortes besonders beliebt bei mittelgroßen und kleinen Städten ist, bei Großstädten extrem selten (das klappt da aus den verschiedensten Gründen nur selten) und bei Dörfern auch nicht, warum eigentlich nicht.
Aber ich komme von meiner Fragestellung ab.
Gleich, welche Richtung, betrachtet man die Sache nicht mehr allein aus der der „großen“ Söhne“ und „Töchter“, dann stellt sich eine ganz andere Frage, nämlich die nach dem Wesen der Stadt und der Art der Beziehungen der Einwohner untereinander. Wenn sich die Art der Beziehungen nicht allein aus lebenslangen und Generationen übergreifenden Beziehungen, sondern temporären ergibt, dann muss sich auch unser Verständnis des Ortes ändern. Und es muss sich die Art der Geschichtsschreibung ändern, denn diese vielen biographischen Fäden kann kein einzelner Forscher mehr in der Hand behalten, sondern es ist eine neue Form der Kooperation gefragt. Nur welche?

Eigentlich nur die Kooperation über das Netz. Zwar gab es Kooperation schon vorher, aber erst das Netz kann die Lösung sein, Aufgaben zu bewältigen, die bislang allein angesichts der schieren Menge von Daten nicht zu schaffen waren, wie etwa die systematische Erfassung der Verlustlisten des Ersten Weltkrieges (immerhin über 8 Mio. Datensätze!).

Nur, so leicht ist das auch nicht. Und auch wenn das Datensammeln und -erfassen über das Netz Möglichkeiten bereit hält, von denen wir früher nur träumen konnten, so löst das nicht das Problem der Analyse und Verknüpfung der Daten. Und schließlich bleibt die Frage nach dem theoretischen und methodischen Fundament der Sache.

Da bleibt auch die Frage nach den Konzepten. Zwar sind transnationale Biographien seit einigen Jahren „in“, aber es sind Einzelbiographien, meist von Bürgerlichen. In eine vergleichbare Richtung geht auch die Anette Schlimm in ihrem Blog besprochene Arbeit von Johannes Paulmann, der letztlich erneut Angehörige bürgerlicher Eliten untersucht. Aber das ist eine andere Intention. Weiter führen da m.E. die Überlegungen von Benjamin Ziemann über ländliche Kriegserfahrungen in Bayern, der sich auch der Frage widmet, wie bisherige Vorstellungen von der Fronterfahrungen den Kriegsalltag nichtbürgerlicher Soldaten widerspiegelt.
In diese Richtung gehen auch meine Überlegungen eher. Bietet die Untersuchung der vernetzten Lebenswege „normaler“ Bürger die Chance, Raumbeziehungen und Raumdeutungen neu zu sehen?


Verweise:
Paulmann, Johannes: Regionen und Welten: Arenen und Akteure regionaler Weltbeziehungen seit dem 19. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift : HZ 296 (296), 2013, S. 660–699.

Schlimm, Anette: Wie global ist eigentlich global? Oder: Weltbeziehungen, Region, Peripherie, Übergangsgesellschaften, 18. Juli 2013, <http://uegg.hypotheses.org/79>, Stand: 03.08.2013.

Ziemann, Benjamin: Front und Heimat : ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern 1914 - 1923, Essen 1997.

Wer trifft wen?

Eigentlich wollte ich in diesem Beitrag danach fragen, was es für Folgen hat, wenn wir eine Ortsgeschichte aus der Perspektive der Menschen schreiben und zwar nicht allein derjenigen, die in dem Ort dauerhaft gelebt haben, sondern derjenigen, die in irgendeiner Form mit dem Ort verbunden waren. Der Ort also nicht mehr als einer der allein durch kommunikative und soziale Beziehungen entsteht, sondern der Verbindungspunkt vieler unterschiedlicher Lebenswege ist. Heute könnten wir solche Geschichte erfassen, schreiben und verknüpfen dank des Netzes. Ein Projekt, das mit analogen Mitteln nur schwer zu erreichen war.
Doch dann kam ich ins Grübeln. Ich musste an unseren kleinen Workshop mit Laienforschern denken, auf dem die Vorsitzende des Vereins Computergenealogie (Comgen) über ihre umfangreichen kollaborativen Projekte berichtete, insbesondere über die Erfassung der Verlustlisten des Ersten Weltkriegs. Sie verwies darauf, dass Laienforscher nach ihrem Zeitplan arbeiten und sich keinen externen aufzwingen lassen. Sie sind, das habe ich selbst in den letzten Jahrzehnten immer wieder erfahren, eigensinnig, folgen ihrer eigenen, keiner fremden Logik. Sehr zum Ärger vieler Wissenschaftler, die deshalb auch mit dieser Gruppe ungern zusammen arbeiten.

Gleichwohl ergeben sich daraus Fragen, denn das Netz könnte ja der Ort sein, an dem sich beide Seiten begegnen. Wie aber wollen wir dann arbeiten? Wer entscheidet über das Tempo? Der Schnellste oder der Langsamste? Was ist überhaupt schnell und was langsam? Ist die/derjenige gemeint!) schneller, der/die möglichst viele Links anklickt, möglichst viele News und Infos sammelt und sie auf seiner Website, in seinem Blog oder bei Facebook verbreitet, wirklich schneller? Oder derjenige, der/die systematisch an einem Thema arbeitet und dieses auch zu Ende bringt. Noch einmal die Verlustlisten: Laien arbeiten nach eigenem Zeittempo daran, aber immerhin sind in absehbarer Zeit über 8 Millionen Datensätze erfasst worden. Dann sind sie die ersten, die das geschafft haben. Also schneller als so manche wissenschaftlichen Projekte, die viel Geld gekostet haben.

Es kommt aber noch was dazu, nämlich die Frage der Motivation. Laienforscher folgen nicht nur ihren eigenen Zeitvorstellungen, sondern auch ihren eigenen Motivationen. Sie wollen nicht das machen, was „man“ von ihnen erwartet, sondern woran sie selbst ein eigenes Interesse haben. Aber ist das sonst so anders? Wir haben zwar ein Ausbildungssystem etabliert, das selbst in der Hochschule immer stärker davon ausgeht, dass Zwangsveranstaltungen in er Lehre angeboten und besucht werden müssen. Das alte, Interessen geleitete Studium ist dabei weitgehend verschwunden (auch wenn es in der Vergangenheit keineswegs immer stattgefunden hat). Nur: Laien sind nicht an die Zwänge des Studiums gebunden und wenn wir mit ihnen kooperieren wollen, sind wir auf Entgegenkommen angewiesen.

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Unsere Art, die Vergangenheit zu untersuchen, ist nicht unbedingt die allgemein verbreitete. Unsere Konzepte, theoretischen und methodischen Zugänge werden nicht von Laien getragen - zumindest nicht immer. Im jetzigen System stört das nicht: bei den beiden getrennten Sphären kommen wir uns nicht in die Quere, können ausweichen. Bei einer Kooperation wäre das aber ganz anders. Es würde dann auch nicht das bis jetzt praktizierte Mittel der „Weiterbildung“ also der Vermittlung unserer Wissenschaft an die Laien genügen.

Kooperation mit Laien bedeutet deshalb immer auch, inhaltliche und methodische Zugeständnisse zu machen bzw. sich auf gänzlich andere Zugangsweisen, Fragestellungen und Perspektiven einzulassen. Wollen das Wissenschaftler oder - brauchen sie das gar? 

Mittwoch, 3. Juli 2013

Netzwerke

Unsere Tagung rückt näher und ich bin im realen Leben und im Netz unterwegs. Überall gibt es lokale Initiativen, teilweise vernetzt, teilweise auch nicht. Dazu kommen die Genealogen, die längst nicht mehr nur Familiengeschichte betreiben. Besonders eindringlich die Arbeit an einem Nachlass eines verstorbenen Kollegen, der eine Stadtgeschichte gerade vorbereitete: Hier spielen die biographischen Zugänge eine entscheidende Rolle. Das wirft für mich immer mehr die Frage auf, inwiewefern unsere raumbezogenen Zugänge zur Geschichte nicht erweitert werden müssen. Dazu haben mich auch schon Bücher wie der Sammelband von Bernd Hausberger über "Globale Lebensläufe" angeregt, aber hier treffe ich nun auf eine Vielzahl von derartigen Ansätzen, die es vielleicht ermöglichen, den Einzelfall in einem wesentlich erweiterten Kontext zu stellen.
Es bleibt spannend.